Unruhe

 

Wir halten uns

an schwebenden Seilen,

in der Balance sich gegeneinander

drehender Riesenräder.

 

Die Ruhe der Seraphim:

Flügel schwingen

sanft überm Chaos,

durchtauchen die Tiefen der Seele,

durchziehen die Oberfläche des Herzens

wie ein Boot den See,

ein Skalpell die Haut,

deine Finger meine Brust berühren.

 

Wie könnte man

schon einander halten

im freien Fall,

beim Spazierweg

auf See Genezareth,

im trügerischen Traum,

unterwegs zum Tod,

auf dem Trapez des Ewigen.

 

Seiltänzer:

Die Seele schmerzhaft

gespannt wie ein Stahltross,

leichten Fußes,

als wögen wir weniger

als Nichts.

 

Die Sekunden

tanzen auf Strahlen aus Licht.

 

 

Segel

 

Nass und voll Wind

ziehen die Segel

das Schiff unter sich her.

 

Kundige Hände

spielen mit ihnen,

kreuzen gegen den Wind

und fürchten Sturm.

 

Gedanken sind,

als könnten

Bäume fliegen.

Als könnten

Kirchen schwimmen.

Als wären

Tonnen von schwerem Holz

eine offene Nussschale.

Und dann befehlen sie den Händen.

 

Der Traum

furcht sich

in den Acker der See.

Der Same im Salz

keimt

wie Leben im Tod.

Das Denken bricht sich

die Gesetze wie ein Kiel die Wellen.

 

Mein Schiff geht still im Triebe.

 

Winterfrau

 

Sie trägt ihr dunkelblaues Kleid

und überragt die Tannen

um Haupteslänge.

 

Ihre bloßen Füße

durchschreiten den Schnee

als wären es Wolken.

 

Sie schweigt

von der Weite,

die sie erfüllt wie Sehnen.

 

Ihre Gedanken

sind Sommerschwalben

und Herbstlaub

und ein Lachen

zur Mitternacht.

 

Sie wird

zurückkehren

und dich auf den Armen tragen

durch den Schnee

über den Fluss.

 

Du wirst

keine Kälte spüren,

nur das Licht.

 

 

 

 

 

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Gedichte 2012
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